ERSTE WAHRHEIT
Das Schicksal eines besonderen Mannes aus Nigeria war von Missgeschicken gezeichnet. Seine Vorhaben endeten allesamt in Fehlschlägen und trotz größter Bemühungen war sein Leben von Armut gezeichnet.
Die Ursache für sein Unglück erkannte der Mann im Laufe der Zeit: Statt der Familientradition folgend, Priester seines Dorfes zu werden, wendete er sich nur weltlichen Dingen zu.
Dieser Mann will nun - geläutert im Angesicht seines Fehlers - sein Leben ganz Gott geben, und sein wohl einzig wirkliches Talent dafür nutzen, diesen zu preisen: Seine Sangeskunst. Da dieses musikalische Talent gefördert werden muss, um seine christliche Missionstätigkeit noch erfolgreicher zu betreiben, möchte er eine Musikschule besuchen und nebenher intensiv die Bibel studieren.
Leider hat er nicht genug Geld um dieses fromme Vorhaben umzusetzen, deshalb sucht er per E-Mail nach gütigen Menschen, die ihn auf seiner Mission unterstützen.
ZWEITE WAHRHEIT
“Scam” wird eine bestimmte Form von Anschreiben genannt, mit denen versucht wird gierigen Menschen mit falschen Geschichten Geld abzunehmen. Die Schreiben initiieren im Allgemeinen einen “gewöhnlichen” Vorschussbetrug. Ein solcher Betrug funktioniert immer ähnlich: Dem Opfer wird ein großer Gewinn in Aussicht gestellt, zu dessem Erlangen es eine (im Vergleich zum erwarteten Gewinn) relativ kleine Leistung erbringen muss. Diese Vorleistung verschwindet dann natürlich mit dem “Scammer” und der erwartete Gewinn bleibt für das Opfer aus.
In letzter Zeit verlagert sich die Masche der Betrüger allerdings in Richtung betrügerischer “Spenden”-briefe, mit denen die Hilfsbereitschaft der Opfer ausgenutzt werden soll.
Zum “Scammen” braucht es nicht viel: Einen internetfähigen Rechner und - wichtiger noch - die Kenntnis und den Willen zur Nutzung elementarer Schwächen des menschlichen Charakters, sowie Kommunikationsgeschick und Einfühlungsvermögen. Die Sprache der potentiellen Opfer (englisch) muss natürlich auch einigermaßen beherrscht werden.
Eine besondere Tradition hat das professionelle “Scammen” als Erwerbstätigkeit in der nigerianischen Gesellschaft. Wohl begünstigt durch den schnellen Reichtum erfolgreicher Betrüger in Verbindung mit einem korrupten Staatsapparat, wurde das “Scammen” zur einer gewissen Größe der nigerianischen Kultur.
Wie breit die Akzeptanz des “Scammens” in der Bevölkerung Nigerias ist, beweisen der erfolgreiche scam-preisende Pop-Song ”I Go Chop Your Dollar” als auch das Ende eines Video-Mitschnittes einer Aktion der nigerianischen Finanzpolizei EFCC, welche seit Jahren erfolglos versucht, das Scamproblem vor Ort zu lösen.
DRITTE WAHRHEIT
Die Anfangs dargelegte Geschichte eines bekehrten Mannes verschickte ein nigerianischer Scam-Betrüger per E-Mail an tausende Menschen in aller Welt, in der Hoffnung, von einigen Hilfsbereiten und Leichtgläubigen unter ihnen Geld zu erschleichen.
Unter den E-Mail-Adressaten des Betrügers befand sich auch “G.W.Bush@WhiteHouse.gov”. Das an diese wichtige Adresse gesandte Gesuch erreichte sein Ziel tatsächlich und gelangte ins präsidiale Postfach von Mr. Präsident George W. Bush.
Der Präsident zeigt sich nach dem Lesen der E-Mail berührt und - da selber missionierender Christ - bietet er dem bedürftigen Musiker seine Hilfe an. Da der Präsident keine halbherzigen Sachen mag und Probleme immer nachhaltig löst, macht er das afrikanische Talent und sein Chorensemble mit einem befreundetem US-Musikproduzenten bekannt.
Dieser Produzent plant gerade das Comeback der Band “Village People”, und möchte dazu im Vorfeld eine neue Coverversion des bekannten christlichen Songs “YMCA” der Band “Village People” auf den Markt bringen. Das vom Präsidenten empfohlene afrikanische Ensemble kommt dabei zur richtigen Zeit und so kann die Erfolgsgeschichte Ihren Lauf nehmen.
Vor Ihrer US-Tour muss die Band natürlich zuallererst ihre Eignung beweisen und dazu einige Demo-Songs (folkloristische Version von “YMCA”) und ein Vorstellungsvideo für die Musikproduktion aufnehmen.
Die aufgenommen Songs werden in die Musik-Agentur geschickt und können begeistern. Das Video (die Nachstellung des original “YMCA”-Videos) findet wenig Zustimmung (schlechte Kostümwahl und Bildqualitätsprobleme) und soll nochmals abgedreht werden.
Aus dem “geschäftlichen” Kontakt des hilfesuchenden Musikers und einer Sekretärin des Musikproduzenten entwickelt sich im Laufe der Zeit eine E-Mail-Beziehung. Der sexy Sänger und das gutaussehende Ex-Herrenmagazin-Modell kommen sich menschlich näher. Vor dem ersten wirklichen Treffen in den USA werden schonmal freizügige Fotos ausgetauscht, damit die zukünftigen Partner wissen, worauf sie sich einlassen.
Schon bald ist auch das neue Bewerbungsvideo des Ensembles in besserer Qualität fertiggestellt und kann den US-amerikanischen Musikproduzenten überzeugen. Insbesondere von der verbesserten Kostümgestaltung zeigt sich der Präsident beeindruckt. Als begeisterter Sammler von Polizeiuniformen aus aller Welt wird er vorallem von der authentisch aussehenden Uniform des “Polizisten” im “YMCA”-Demo-Video beeindruckt. Wie sich herausstellt, befindet sich ein “echter” nigerianischer Polizist im Musik-Ensemble, dessen Dienst-Uniform für das Video genutzt wurde.
Der Präsident bittet den Musiker daraufhin um einen Gefallen; dem Präsidenten wäre es eine außergewöhnliche Freude, wenn ihm der Musiker die Mütze der verwendeten Original-Polizeiuniform zur Erweiterung seiner Sammlung zusenden könnte.
Diese Mütze inkl. prachtvollem Metallemblem ist mittlerweile ein besonderes Stück in der präsidialen Sammlung und wird in der persönlichen Schautvitrine des Präsidenten im Weissen Haus öffentlich zur Schau gestellt.
Die intensiven Vorbereitungen zur Markteinführung der zukünftigen Pop-Stars sind zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht komplett abgeschlossen. Zu Verzögerungen kam es insbesondere durch eine kürzlich aufgetretene akute Krankheit des verantwortlichen Produzenten, der einige Zeit im Koma lag. Die Krankheit ist jedoch mittlerweile gut überstanden und die weltöffentliche Vorstellung der zukünftigen Superstars aus Afrika steht kurz bevor.
VIERTE WAHRHEIT
Es gibt einige Leute, die die Beschäftigung mit den betrügerischen Scam-Mailern als sportliche Herausforderung sehen. Sportliche Motivation der “Scambaiter” ist, die Betrüger mit Ihren eigenen Mitteln hinters Licht zu führen.
Dem einzelnen Scammer wird dabei also unter Vortäuschung falscher Tatsachen große Beute in Aussicht gestellt, zu deren Erlangung der Scammer wiederum erst Vorleistungen erbringen muss. Die vom Scammer erbrachten Leistungen dienen dem “Scambaiter” unter seinen Mitstreitern im Allgemeinem als Trophäe.
Als Rechtfertigung des “Scambaiting” dient neben dem Spaßgewinn durch den kreativen Umgang mit der “Realität” im Kommunikationsprozeß zwischen “Scammer” und “Scambaiter” primär auch die mögliche Verhinderung von weiteren Betrügereien des Scammers durch Bindung seiner kreativen, zeitlichen und finanziellen Resourcen.
MEINE WAHRHEIT
Die Geschichte des musikliebenden US-Präsidenten als Freund afrikanischer Folklore entspingt der ausufernden Fantasie des Scambaiters “Scam Patroller” von 149eater.com und realisierte sich in den letzten Monaten.
Für etwa 70 Nigerianer ist sie momentan felsenfeste Realität und hoffnungsvolle Chance.
Auch wenn die oberflächliche Betrachtung der Problematik nahelegt, das Treiben der “Scambaiter” als ethisch/moralisch rechtfertigbar und zudem als Spiel wahrzunehmen, sollte man zur genauereren Analyse nicht ignorieren, daß
- sowohl Scammer als auch Scambaiter wirkliche Leistungen (was auch immer) mittels Betrug erschleichen
- die Motivation der Scammer aus einem wirtschaftlichen Druck erfolgt, die Motivation der Scambaiter eher aus gewisser Beschäftigungslosigkeit und Schadenfreude resultiert
- professionelle Scammer wohl eher nicht auf Scambaiter “hereinfallen”, somit der verhinderte Schaden an anderen Opfern eher als gering einzuschätzen ist
So aberwitzig, kreativ und öffentlich der geschildete Fall auch sein mag, ändert es doch nichts daran, das “Scam Patroller” ebenjene Straftat vollzieht, deren Verhinderung angeblich seine Handlungsmotivation darstellt:
So hat “Scam Patroller” vom initiierenden “Scammer” bereits einiges an Mitteln erschlichen (siehe Links), auch einigen Dutzend unbeteiligte Personen des Ensembles werden mittelbar bewußt falsche (geldwerte) Versprechungen gemacht.
Wie schwach die eigene Rechtsauffassung der “Scambaiter” des 149eater-Forenkreises in der Beziehung ist, zeigt sich beispielsweise an der hilflosen Thematisierung der Bezahlung der Chormitglieder und der Copyright-Frage bzgl. der Verwertung der erschlichenen Demosongs (Beachte: Man kann kein Copyright legal mittels Straftat erschleichen!)
Das wirklich Katastrophale bei dieser Sache ist hingegen nicht die schwache moralische Position der Initiatoren oder deren verquere Rechtsauffassung, sondern vielmehr die Tatsache, das die Chance zu einer “harmlosen” Auflösung der entwürdigenden Geschichte mit fortschreitender Entwicklung immer kleiner wird.
Links:
- zugehöriger Thread im Forum von 419eater.com (inkl. komplett veröffentlichtem E-Mailverkehr)
- produzierte Demosongs ”YMCA” und ”Bamboyeti” und zugehöriges CD-Inlay
- Erstes Demo-Video - Anmerkung: der Text am Anfang des Videos steht im Widerspruch zu den im Forum kommunizierten Verhältnissen. Dort wird ersichtlich, daß die Ensemblemitglieder nicht bezahlt werden (und der Scammer im Auftrag des “Präsidenten” handelt). Kann man die absichtlich “fehlerhafte” Auszeichung der Trophäe als Zeichen des Selbstzweifels der Aktivisten deuten?
- Zweites Demo-Video (von youtube.com entfernt)
- Bild der (unter hohem Risiko besorgten) Polizeiuniformsmütze
- Ein ”Scambaiter” präsentiert die “erbeutete” Mütze
- die ”Sekretärin” des “Musikproduzenten”
- Diverse Bilder weiterer “Trophäen” (erbetene Geschenke für Freunde des “Präsidenten”)
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Nachtrag: Wer das Schaffen von absurden “Wahrheiten” als Mittel zur Bekämpfung von Ungerechtigkeiten interessant findet, dem empfehle ich unbedingt die Bücher des Meisters auf diesem Gebiet: Günther Wallraff
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