Wir haben den „Tag der deutschen Einheit“ und die öffentliche Berichterstattung strotzt heute wieder nur so von Bildern der heldenhaften (Ost)Deutschen, die sich 1989 mit gewaltloser Courage eines repressiven Unrechtssystems entledigten. Die Tage der Freiheit im Sommer/Herbst 1989 - der Endpunkt eines bereits Mitte der Achtziger begonnen globalen Aufweichungsprozesses der Ostblock-Diktaturen - waren tatsächlich ein Höhepunkt deutscher Geschichte. Doch so plötzlich sie sich des Deutschen bemächtigte, so schnell verließ die Motivation zum Wandel den Deutschen auch wieder.
Die historische Chance eines neuen Weges, der Schaffung einer wirklichen Alternative zu den durch den „kalten Krieg“ beschädigten und deformierten Gesellschaften, wurde schon wenige Tage nach der Dekonstruktion des alten Systems einer billigen Konsumaussicht geopfert. Jene Menschen, die soeben noch eine Heldentat vollbrachten - für die gestern noch Alles möglich war - entschlossen sich mit dem ersten Atemzug in der selbst gewonnenen Freiheit für die unterwürfige und nahezu bedingungslose Eingliederung in eine Gesellschaft, die sie vornehmlich aus dem Werbeblöcken bei RTL und Sat1 kannten und deren per Westpaket erhaltene Billigprodukte unter dem heimischen Weihnachtsbaum vormals für Freude sorgten. Aus dem Westen aktiv unterstützt wurde diese unverantwortliche Entscheidung eines ganzen Volkes mit gnädigen 100 DM „Begrüßungsgeld“, CDU-Wahlkampfmillionen bei der ersten „freien“ Wahl und dem bewusst falschen Versprechen „blühender (Industrie)Landschaften im Osten“.
Mit wachen Augen betrachtet ist die Wiedervereinigung in der vollzogenen Form für die Deutschen eine Farce. Die vielleicht einzige wirkliche Revolution, zu welcher der Deutsche es je gebracht hat, endete auf ihrem Höhepunkt abrupt in einem unterwürfigen Anschluss der „Revolutionäre“ an eine gelähmte Gesellschaft, deren Verfassung fremdbestimmt angenommen wurde und deren niedriges Primat einzig wirtschaftliche Effizienz ist. Der Deutsche zeigte sich wieder einmal zur Freiheit unfähig - der „autoritäre Charakter“ der Deutschen konnte wieder einen Sieg einfahren.
Hier gibt es zum Abschluss noch eine Charakterisierung der Deutschen aus dem Jahre 1798. Die über 200 Jahre alte Betrachtung Immanuel Kants ist noch immer sehr zutreffend:
Die Deutschen stehen im Ruf eines guten Charakters, nämlich dem der Ehrlichkeit und Häuslichkeit; Eigenschaften, die eben nicht zum Glänzen geeignet sind. - Der Deutsche fügt sich unter allen civilisirten Völkern am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist, und ist am meisten von Neuerungssucht und Widersetzlichkeit gegen die eingeführte Ordnung entfernt. Sein Charakter ist mit Verstand verbundenes Phlegma, ohne weder über die schon eingeführte zu vernünfteln, noch sich selbst eine auszudenken. Er ist dabei doch der Mann von allen Ländern und Klimaten, wandert leicht aus und ist an sein Vaterland nicht leidenschaftlich gefesselt; wo er aber in fremde Länder als Colonist hinkommt, da schließt er bald mit seinen Landesgenossen eine Art von bürgerlichem Verein, der durch Einheit der Sprache, zum Theil auch der Religion ihn zu einem Völkchen ansiedelt, was unter der höheren Obrigkeit in einer ruhigen, sittlichen Verfassung durch Fleiß, Reinlichkeit und Sparsamkeit vor den Ansitzungen anderer Völker sich vorzüglich auszeichnet. So lautet das Lob, welches selbst Engländer den Deutschen in N.Amerika geben.
Da Phlegma (im guten Sinn genommen) das Temperament der kalten Überlegung und der Ausdaurung in Verfolgung seines Zwecks, imgleichen des Aushaltens der damit verbundenen Beschwerlichkeiten ist: so kann man von dem Talente seines richtigen Verstandes und seiner tief nachdenkenden Vernunft so viel wie von jedem anderen der größten Cultur fähigen Volk erwarten; das Fach des Witzes und des Künstlergeschmacks ausgenommen[…]. – Das ist nun seine gute Seite in dem, was durch anhaltenden Fleiß auszurichten ist, und wozu eben nicht Genie(*) erfordert wird; welches letztere auch bei weitem nicht von der Nützlichkeit ist, als der mit gesundem Verstandestalent verbundene Fleiß des Deutschen. - Dieses sein Charakter im Umgange ist Bescheidenheit. Er lernt mehr als jedes andere Volk fremde Sprachen, ist […] Großhändler in der Gelehrsamkeit und kommt im Felde der Wissenschaften zuerst auf manche Spuren, die nachher von anderen mit Geräusch benutzt werden; er hat keinen Nationalstolz, hängt gleich als Kosmopolit auch nicht an seiner Heimath. In dieser aber ist er gastfreier gegen Fremde, als irgend eine andere Nation […]; disciplinirt seine Kinder zur Sittsamkeit mit Strenge, wie er dann auch seinem Hange zur Ordnung und Regel gemäß sich eher despotisiren, als sich auf Neuerungen (zumal eigenmächtige Reformen in der Regierung) einlassen wird. – Das ist seine gute Seite. Seine unvortheilhafte Seite ist sein Hang zum Nachahmen und die geringe Meinung von sich, original sein zu können […]; vornehmlich aber eine gewisse Methodensucht, sich mit den übrigen Staatsbürgern nicht etwa nach einem Princip der Annäherung zur Gleichheit, sondern nach Stufen des Vorzugs und einer Rangordnung peinlich classificiren zu lassen und in diesem Schema des Ranges, in Erfindung der Titel (vom Edlen und Hochedlen, Wohl= und Hochwohl=, auch Hochgeboren) unerschöpflich und so aus bloßer Pedanterei knechtisch zu sein; welches alles freilich wohl der Form der Reichsverfassung Deutschlands zugerechnet werden mag; dabei aber sich die Bemerkung nicht bergen läßt, daß doch das Entstehen dieser pedantischen Form selber aus dem Geiste der Nation und dem natürlichen Hange des Deutschen hervorgehe: zwischen dem, der herrschen, bis zu dem, der gehorchen soll, eine Leiter anzulegen, woran jede Sprosse mit dem Grade des Ansehens bezeichnet wird, der ihr gebührt, und der, welcher kein Gewerbe, dabei aber auch keinen Titel hat, wie es heißt, Nichts ist; welches denn dem Staate, der diesen ertheilt, freilich was einbringt, aber auch, ohne hierauf zu sehen, bei Unterthanen Ansprüche, anderer Wichtigkeit in der Meinung zu begrenzen, erregt, welches andern Völkern lächerlich vorkommen muß und in der That als Peinlichkeit und Bedürfniß der methodischen Eintheilung, um ein Ganzes unter einen Begriff zu fassen, die Beschränkung des angebornen Talents verräth.
(*)Genie ist das Talent der Erfindung dessen, was nicht gelehrt oder gelernt werden kann. Man kann gar wohl von anderen gelehrt werden, wie man gute Verse, aber nicht wie man ein gutes Gedicht machen soll: denn das muß aus der Natur des Verfassers von selbst hervorgehen. Daher kann man es nicht auf Bestellung und für reichliche Bezahlung als Fabricat, sondern muß es gleich als Eingebung, von der der Dichter selbst nicht sagen kann, wie er dazu gekommen sei, d. i. einer gelegentlichen Disposition, deren Ursache ihm unbekannt ist, erwarten ( scit genius, natale comes qui temperat astrum ). - Das Genie glänzt daher als augenblickliche, mit Intervallen sich zeigende und wieder verschwindende Erscheinung nicht mit einem willkürlich angezündeten und eine beliebige Zeit fortbrennenden Licht, sondern wie sprühende Funken, welche eine glückliche Anwandelung des Geistes aus der productiven Einbildungskraft auslockt.
Kommentare
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Vogel - Sun Oct 04 20:56:43 UTC 2009:
Schöner Artikel, in Kürze hast Du Wichtiges aus der Erinnerung zurück gerufen. ‘N paar Bemerkungen muss ich deshalb machen:
da scheint ‘n bisschen Ironie durch. Hast Du, glaub’ ich aber nich beabsichtigt, wäre auch unnötig, denn es war genauso. Unsere lieben Ossis, haben da gewaltlos großes geleistet, gelle? Motiv zum Wandel? Wir wollten die doch nich etwa wandeln? Wir wollten die besiechen und heim ins Reich holen! Wir wohllten uns als Siecher auf die Schulter klopfen und besonders gut fühlen den Osten sozialisieren und westliche Kulturgüter bringen (Lisa Fiz, sinngem.: Marlboro, Vidschorekorder unn ‘n Golf) und Märkte erschließen und, und, und … Dat war’s, glasklar beim Namen genannt. Da kommst Du jetzt imo von der Heldentat weg und an ein anderes Problem: So sinnse, die einssibzig hoch gestapelten Zellhaufen … Erst kommt Fressen, dann kommt Moral (frei nach B. Brecht. klar doch, ‘n bisschen Bestechung muss sein, ‘n bisschen Taschengeld für den ersten Besuch bei Beate Uhse (ich war um die Zeit in Berlin, nirgendwo waren die Schlangen länger, der Andrang größer als bei Uhses “Fachgeschäft für Ehehygiene” Nähe Bahnhof Zoo) Nee, dat isse nich, ein gloreicher Siech der Freiheit über den Sozialismus … ;)Der Kant, den Du zitierst, iss ja gut unn richtig, verkürzt, bei aller Wertschätzung, sagt er: “Die Deutschen sind verschieden.” Guck’ ‘mal auf die Europakarte, wat siehst Du? Richtig, Deutschland in der Mitte. Jeder der sich von Ost nach West, von Süd nach Nord bewegt muss hier durch. Der Deutsche ist “geschmolzenes Europa” - im Guten wie im Schlechten! Das einfachste Beispiel iss der Ruhrpott: Warum heißen dort soviele Leute Opalka, Widera, Scymanski, Koslowski, Konopka … ganz einfach: Die “Polacken” sind gekommen, den gefährlichen und harten Job unter der Erde und an den Hochöfen zu machen.
Allerbeste Grüße
PS.: Beim zweiten Lesen regst Du einen Gedanken an (vielleicht Binse, aber für mich isser neu):
Könnte das nich ‘n genialer Schachzug vom Dicken gewesen sein? Die “geistig moralische Wende” - Werbefernsehen und Dumsinn ohne Sendeschluss - als Sturmgeschütz, den Osten sturmreif zu schießen? Gut, dat dann, als Kolateralschaden, die gesamte Bevölkerung nachhaltig verdummt, und, dank Vollzug der Wiedervereinigung im wesentlichen aus den Sozialkassen … was soll ‘s! Hauptsache wir hamm gesiecht und erschließen einen Platz in der Geschichte, und Märkte, und …Ein Schachzug mit sieben Jahren Vorlauf bis zum Matt! Genial, der Dicke! Genial die “geistig moralische Wende”!
PPS.: Warum machst Du nicht bei “100 Blogs …” & Co. mit?
Vogel - Mon Oct 05 15:08:16 UTC 2009:
Ich hab’ noch ‘was als Ergänzung zu Deinem Text, der Freitag, S. 3, rechte Spalte, 3. Abs.: “Dann kommt die Wende, die Mauer fällt. Der Turm und das Restaurant werden gestürmt wie nie. „Noch am 30. Juni 1990 war der Laden proppevoll. Ich hatte Doppeldienst. Bei uns brannte die Hütte. Das ging seit November so. Die Westberliner und Westdeutschen tauschten gleich hier am Alex ihr Geld und aßen und tranken bei uns für Pfennige. Nie hab ich so viel sowjetischen Sekt und Kaviar serviert! Der Malossol, ein Beluga-Kaviar, da kostete die Dose zu 28 Gramm bei uns 18,90 – Mark der DDR wohlgemerkt – für den Gast waren das keine zwei D-Mark. Wir brachten dann nachts noch die Tageseinnahmen rüber zur Notenbank, da ist heute die Commerzbank drin, holten am 1. Juli frühmorgens unsere erste eigene Ration Westgeld ab.“ Dann öffnen sie. Und der Laden ist leer. Und bleibt leer. „Kein Gast! Es war schrecklich. Alles lief zum Chinesen, Italiener, McDonalds. Keiner wollte mehr unsere klassische deutsche Gastronomie. Nicht für seine neue D-Mark jedenfalls.“” (Sehe gerade, kannste auch im e-paper lesen).
Beste Grüße
Dexter - Fri Oct 09 13:19:49 UTC 2009:
Danke für die Ergänzung. Die Geschichte aus dem Freitag beschreibt die Situation ziemlich eindringlich.
Letztlich war es ein - vom Westen gut organisierter - Ausverkauf. Vom Westen (also jetzt: “uns”) ist ja auch nichts anderes zu erwarten. 20 Jahre später kann ich, auch wenns schmerzt, ganz gut verstehen, warum der Westen zu keiner Bewegung fähig ist (und schon gar nicht wird sich geändert nur aufgrund einer Vorbildhandlung der eigenen Brüder).
Was die 100 Blogs angeht: Hier im Blog können sich nicht alle mit der LiNKEn anfreunden. Ja, so ist das. Aber es sei dir versichert, dass ich mit einem anderen Blog da schon dabei bin.
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