Das Elend der Verleger

Allerorten bekommt man derzeit zu hören, Google würde illegal Inhalte der Verlage vermarkten und schade so der Verlagswirtschaft. Zeitungsverlage beklagen, dass Google teuer produzierte Neuigkeiten auf den eigenen Seiten zu Geld mache und Buchverlage beklagen, dass Google ungebremst alle Bücher dieser Welt digitalisiert, um sich derer Inhalte zu bemächtigen.

Es wird also unisono behauptet, Google eignet sich schmarotzend wertvolle, fremde Inhalte „widerrechtlich“ an und stellt diese seinen Nutzern profitabel über das googleeigene Angebot zur Verfügung. Wer allerdings einmal genauer betrachtet, was Google eigentlich macht1, wird feststellen, dass dieses gestreute Bild unglaublicher Unsinn ist.

Was macht Google wirklich?

Die Wahrheit ist: Google vertreibt keine fremden Inhalte, Google macht fremde Inhalte lediglich durchsuchbar!

Nehmen wir die umstrittene Nachrichtensuche „Google News: Sucht man bei Google nach Neuigkeiten, so finden sich in den Suchergebnissen lediglich Anrisstexte und Links zu online frei einsehbaren Artikeln von den Zeitungswebseiten. Google zeigt also keine – angeblich ach so „hochwertigen“ – Artikeltexte der Presseverlage auf den eigenen Google-Seiten an, sondern zeigt in den Suchergebnissen lediglich Links zu den Originalseiten der Anbieter an. Es steht den Anbietern übrigens frei, die eigenen Angebote für Google zu sperren.

Übrigens wurde man bis vor kurzem häufig peinlich daran erinnert, wie das News-Business im Hintergrund funktioniert: Als Suchergebnis zu einer Anfrage bekam man meist hunderte bis zur Überschrift identische „individuelle“ Zeitungsartikel verschiedener Zeitungen präsentiert, die sich so als einfache 1:1-Kopien einer Agenturmeldung entpuppten. Soviel noch zum „hohen journalistischen Wert“ der durchsuchten Inhalte. Google fand das für die eigenen Nutzer übrigens unzumutbar und verlinkt mittlerweile nur noch auf die originale Agenturmeldung.

Die kontroverse Buchsuche „Google Bücher läuft ganz ähnlich: Sucht man dort nach Begriffen, bekommt man als eine Liste von Büchern angezeigt, in denen die Suchbegriffe vorkommen. Teilweise bekommt man zum Buchtitel noch einen kurzen Abschnitt aus dem digitalisierten Buch zu sehen, in dem die Suchbegriffe im Kontext des Buchtextes zu sehen sind. Eins, zwei Sätze zumeist2. Das sind die kritisierten fremden Inhalte, die hier von Google zu Markte getragen werden. Merke also: Google verdient kein Geld, indem es fremde Buchtexte veröffentlicht. Google macht Bücher lediglich auf einfache Weise durchsuchbar. Der vollständige Text der Bücher wird von Google nicht veröffentlicht.

Man könnte meinen, die Verlage haben doch einen Nutzen von diesen Diensten. Schließlich wird der Suchende bei der News-Suche auf die Webseiten der Zeitungen geschickt, und durch die Buchsuche wird er angehalten die gefundenen Bücher (bei einem Werbepartner von Google) zu kaufen.

Warum dann das ganze Gezeter?

Da die Verlage eine Volltextsuche über Buch- und Nachrichtentexte aus eigener Kraft dem Kunden nicht bieten konnte – da stand sich der unternehmerische Kleingeist der Branche wohl immer selbst im Wege – hat diese Aufgabe nun ein Suchmaschinenanbieter übernommen. Betrachtet man die Sache nüchtern, hat die neue Dienstleistung nur einen Effekt: Sie sorgt für Transparenz im Markt.

Dem Verhalten der Verleger kann man nun entnehmen, dass diese Form der Konsumentenaufklärung den Verlegern aus deren Sicht irgendwie das Geschäft verdirbt. Ein Bestandteil des Geschäftes der Verleger ist also offensichtlich eine gewisse Intransparenz des Marktes, oder anders ausgedrückt, eine gewünschte Unwissenheit der Konsumenten. Der anbieterseitige Wunsch nach Marktintransparenz ist in der Marktwirtschaft an sich nichts Ungewöhnliches3, allerdings wird im Allgemeinen ja aber gerne davon ausgegangen, dass es nun die geradezu ureigenste Aufgabe der Verlage ist, das Moment der Erhellung in unsere aufgeklärte Gesellschaft bringen. Vielleicht hatte diese Aussage in bleierner Gutenbergurzeit tatsächlich einmal einen gewissen Gehalt an Wahrheit, in der durchkapitalisierten Industriegesellschaft kann man diesem sorgsam gepflegten Image der AufklärungsUnterhaltungsindustrie allerdings keinen Glauben mehr schenken. Schon daran, dass in der derzeitigen Debatte mehr oder weniger unverhohlen offensichtlich verlogene Argumente („Google klaut und verkauft unsere Inhalte“) benutzt werden, um den Leuten die eigenen Partikularinteressen als gesellschaftlich relevant zu vermitteln, zeigt ein Stück weit den wahren Geist der Verlagswirtschaft.

Wie schon dargelegt, zeigt der ganze Aufschrei der Verlegerbranche die Obsoleszenz und Schäbigkeit dieser Informationsgewerbeform auf. Ich hoffe, die Bemühungen dieser Interessengruppe werden gründlich scheitern. Auf der anderen Seite darf jedoch nicht vergessen werden, dass Google nicht das Verfügungsmonopol über das Buchwissen der Menschheit bekommen darf. Denn auch Google ist natürlich ein an die Marktwirtschaft gebundenes Unternehmen und hat ganz sicher kein unbegrenztes Interesse an Transparenz. Mangelt es Google doch schon heute ganz besonders an transparenter Darstellung der eigenen Unternehmensziele.

Dem Interesse aller wäre wohl am ehesten gedient, wenn die Nationalbibliotheken die technischen Möglichkeiten, ganz ähnlich wie der Suchmaschinenanbieter dies vorgemacht hat, nutzen würden, um uns „unsere“ Inhalte endlich so zugänglich zu machen, wie es Google vorhat. Die private Verlagswirtschaft ist dazu offensichtlich nicht in der Lage. In einem Punkt haben die Verlage also recht: Die Zugänglichmachung der Inhalte ist ein gesellschaftliches Problem. Und entsprechend sollte es auch gelöst werden.


[1] Und dazu muss man nichts weiter tun, als auf google.de zu gehen, um sich die kritisierten Dienste einmal genauer anzusehen!

[2] Texte, bei denen das Urheberrecht abgelaufen ist (also aus sehr alten Büchern) sind voll einsehbar.

[3] Man schaue sich nur einmal das TensidePutzmittelregal im Supermarkt an.

Dexter am 22.11.2009 um 23:42 in Internet, Politik & Gesellschaft

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