Sloterdijk, ein Reich-Ranicki der Philosophie?

Als ich das erste Mal mit dem Feuilletontext Sloterdijks in der FAZ in Berührung kam, war das im Feed von Feynsinn. Ich hatte dessen Kritik allerdings vorerst nicht gelesen, da ich mich sofort auf den Text von Sloterdijk gestürzt habe – aus Respekt vor Sloterdijk. Ich wollte dessen Text unvoreingenommen – sekundärquellenverschont – genießen. Sloterdijks Text lies mich diesmal allerdings recht ratlos zurück. Das zweite Mal befasste ich mich einen Tag später mit dem Text. Obwohl etwas ausgeschlafener und konzentrierter, bekam ich ihn nicht in meinen Kopf. Als ich dann am dritten Tag eine Referenz zum FAZ-Artikel in einem Interview mit dem unsäglichem Kirchhoff fand, nahm ich mir vor, den Sloterdijk-Artikel endlich zu “verdauen”.

Sloterdijks interessante Sicht der Zukunft, oder treffender: Sein seltsames Bild der Gegenwart “unseres” Kapitalismus

Die ersten 5 Abschnitte seines Textes kann man getrost als sloterdijksche “Sülze” abtun. So sondert Sloterdijk sein typisches “Kopf”fleisch aus Zitaten großer Geister, gebunden in einem halbtransparenten Gallert aus Querverbindungen der angerissenen historischen Ideensysteme, gewürzt mit der brillianten Anwendung verwegener Begrifflichkeiten in neuartigen Kontexten ab. Soweit kann diese Masse eigentlich ab und an ganz inspirierend sein. Im angesprochenen ersten Teil seines Artikels gab es diesmal Kommunismus-Sülze, Typ “Marx & Consorten”.
Doch Achtung: Diese “Zubereitung” versteht sich nur als Vorgericht zu einem Hauptgang, der erst ab seinem Teil 6 (“Vom Kredit getrieben“) serviert wird. Doch bleiben wir vorerst bei der sülzigen Vorspeise.

Sloterdijk erklärt uns hier erst einmal seinen, angeblich allgemein anerkannten “linken” Eigentumsbegriff – also einen Begriff, der festlegt, was eines Menschen EIGENtümlich sein kann. Auch wenn er im Laufe der Mahlzeit eine gepfefferte Reihe von Rousseau über Marx bis Lenin serviert, so ist doch schon seine erste, für alle folgenden Aussagen grundlegende Behauptung schlicht Unsinn:

Der Sündenfall geschieht (für die “Linken”, d. Verf.) sobald der Privatbesitz aus dem Gemeinsamen ausgegrenzt wird.

Vorbereitet wird dieser grundlegende Unsinn, indem er postuliert,

Marx war von dem Schema der ursprünglichen Einzäunung so beeindruckt, dass er die ganze Frühgeschichte des „Kapitalismus“, die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, auf die verbrecherische Willkür einiger britischer Großgrundbesitzer zurückführen wollte, die es sich einfallen ließen, große Flächen Landes einzuzäunen und große Herden wolletragenden Kapitals darauf weiden zu lassen – was naturgemäß ohne die Vertreibung der bisherigen Besitzer oder Nutznießer des Bodens nicht geschehen konnte.

Nach diesem Zitat in gegebenen Kontext könnte man meinen, der Autor will uns hier in einfältiger Weise glauben lassen, der “Großgrundbesitzer” sei dabei selbst der Hirte seiner Herden. Der ganze Witz – und das Problem für Marx – an der Sache ist, dass die gegebenen Eigentumsverhältnisse den Großgrundbesitzer eben zum Sozialschmarotzer mutieren lassen, da er erst durch sie gezwungen wird, ANDERE gegen möglichst geringen Lohn für sich arbeiten zu lassen. Wäre für den Großgrundbesitzer statt einer kapitalen Landfläche für den Agrarbetrieb ein Garten abgezäunt, den er SELBST bewirtschaftet, so gäbe es im Marx`schen Sinne wohl kein Problem durch dieses private Eigentum. Wie die Sache begann ist dabei irrelevant. Soviel also auch zu Wahrheitsgehalt der sloterdijkschen Aussage im vorhergehenden Zitat (“Sündenfall”...).(1)

Soweit, so ungewohnt schlecht kommt der Sloterdijk hier daher. Vielleicht meinte er es auch einfach nur gut und wollte den zahlenden FAZ-Lesern einfach keine abnormen Geschmacklichkeiten antun. Wie auch immer, alles ist halb so wild, man kann nur hoffen, dass diese vorbereitende Sülze trotz des offensichtlich verarbeiteten Gammelfleischs keine wirklichen Unruhen unter den Lesern auslöst.

Wirklich los geht der Artikel nämlich erst mit dem Abschnitt “Vom Kredit getrieben”. Damit wird der zweite, schon wesentlich gehaltvollere Gang aufgetischt:

Das Movens der modernen Wirtschaftsweise ist nämlich keineswegs im Gegenspiel von Kapital und Arbeit zu suchen. Vielmehr verbirgt es sich in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern.

Klingt erst einmal ausbaufähig. Man kann wirklich interessante Gedankenspiele damit treiben. Zum Beispiel: Gleicht die Arbeit, die vom Arbeitenden gegeben wird nicht einem Kredit, der aufgrund des Versprechens gegeben wird, dass er die gleiche Leistung in Form einer Lohnzahlung wieder zurück bekommt, angereichert mit einem Zins, der dem guten Wirtschaften eines “väterlichen” Unternehmers gedankt ist, welcher die eingebrachte Arbeit zu vermehrwerten weiss? Zugegeben, mit diesem Gedanken wäre ziemlich schlecht zu erklären, weshalb heute 90% der erarbeiteten Werte zum Eigentum von nur 10% der Bevölkerung zählen. Was ja dabei nichts anderes heißt, als dass der Arbeitende 10 EUR Kredit in Form von Arbeit geben darf, um letztlich 1 EUR zurückgezahlt zu bekommen. Kein freier Mensch würde solche Zinsen zwanglos akzeptieren. Natürlich muss man sich dann auch fragen, wie und wohin die vom Arbeitenden “investierten” 9 EUR Arbeit verschwunden sind?

Nun, einen solchen interessanten Ansatz wählt Sloterdijk für seinen Auftraggeber FAZ nicht. Stattdessen veräußert er einen leicht verdaulichen, leider aber auch ziemlich billigen Allgemeinplatz: “Der Kredit ist die Seele jedes Betriebs, und die Löhne sind zunächst und zumeist von geliehenem Geld zu bezahlen – und nur bei Erfolg auch aus Gewinnen.

Ein im Text folgendes kurzes Interludium mit einer kleinen Schmähung Brechts(2) mit Rückbezug auf die Vorspeise gleicht einem kleinen “Bäuerchen”, welches leider dem Geschmack des Gammelfleischs aus dem ersten Gang wieder hochkommen lässt. Doch das soll schnell vergessen gemacht werden mit der nun folgenden zuckersüßen und verlockenden Hauptspeise, die wohl mit den grössten Brennwert aller dargebrachten Menügänge daherkommt.

Laut Sloterdijk ist es ja nun so, dass unser derzeitiger Staat durch eine Periode vorherrschenden sozialdemokratischen, “linken” Geistes während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts gestaltet, nein wohl besser: Deformiert wurde. Diese Deformation veräußert sich seines Erachtens nach wohl am deutlichsten in einer “Kleptokratie des Staates”, welcher durch eine “Enteignung per Einkommenssteuer” dafür sorgt, dass die “produktiven Schichten”, bzw. “eine Handvoll Leistungsträger (und Ja: Er bedient sich damit tatsächlich im “offiziellen” Vokabular der INSM-“Inspirierten”! d.Verf.) gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets bestreitet”. Man denke nur kurz an die angerissene heute stattfindende “10 EUR Arbeit für 1 EUR Gegenwert”-Geschichte, die die real “produktiven” 9/10tel des Volkes hierzulande zu ertragen haben. Sloterdijk setzt mit infantiler Dreistigkeit tatsächlich Lohn und seine entgeldliche Gegenleistung ohne weitere Begründung gleich. Dass das völlig verquer ist, zeigt sich einfach am Beispiel Karl und Theo Albrecht. Die haben – nach Sloterdijk – in ihrem bisherigen Leben so viel verdient gearbeitet bzw. “geleistet”, wie es eine Familie eines ihrer Angestellten nicht hätte machen können, selbst wenn Sie über Generationen, ja, gar seit dem Anbeginn der Menschheitsgeschichte vor einhundertausend Jahren ganztags in einer Aldi-Filiale für die Albrechts die Regale gefüllt hätte.(3) Es ist schwer zu glauben, dass Sloterdijk die Begriffe “Vermögen” und “Leistung” hier unbeabsichtigt gleichsetzt. Ist doch der fiktive Charakter des Vermögens in diesem Kontext recht deutlich als Antagonist zum Tatsächlichen der Leistung zu erkennen.

Im Anschluss an diese irrwitzige Gleichsetzung fängt Sloterdijk an, dem FAZ-Leser ein Szenario vor die Nase zu setzen, mit dem dieser wohl schon häufiger per “Bauchgefühl” Bekanntschaft machen durfte: Das unliberale Übel schlechthin, nämlich die “Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven”.

Die “Unproduktiven” werden von ihm dabei definiert mit “Bezieher von Null-Einkommen oder niederen Einkünften [...] deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt”. Der unnütze Teil der Bevölkerung beutet unsere Gesellschaft also bis zum endgültigem Kollaps aus, in dem dieser mit Hilfe des deformierten Staates als exekutives Organ die “produktiven Leistungsträger” enteignet. Die Aussage würde vielleicht einen Sinn ergeben, wenn man hier Krankenschwestern und Köche als die Leistungsträger bezeichnet und als “Unnütze” sinnvollerweise die Herren Albrecht betitelt, mit großer Wahrscheinlichkeit könnten diese doch gerade im Moment mittsommerlich auf ihrer Privatjacht im Mittelmeer kreuzen und ihre Bäuche in die Abendsonne hängen, während die angestellte Küchenmannschaft – ganz produktiv – schon mal das 4-Gänge Abendessen für die Herren und deren Gäste vorbereitet. Das verkorkste Weltbild Sloterdijks zeigt die Zustände jedoch genau umgekehrt: Die “unproduktiven” (weil ja gering entlohnten!) Regalfüller der Albrechts beuten ihre Herren unmäßig aus, weil sie zusätzlich zu den 400 EUR Lohn noch 250 EUR Hartz-IV vom Arbeitsamt bekommen – und diese vom Staat aufgebrachte “Aufstockung” ihres Lohns auf Existenzminimumniveau stammt ja unanständigerweise auch aus der Einkommenssteuer auf den Profit ihrer obersten “produktiven” Chefs!

Als Folge dieser reichlich skurrilen Ausbeutung der Reichen durch die vielen Armen sieht Sloterdijk im Laufe des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Möglichkeit von “Desolidarisierungen großen Stils”. Also die Vermögenden bezahlen nicht mehr für die “unproduktiven” Geringverdiener. Freilich erklärt er nicht, wie das dann genau aussehen würde. Wahrscheinlich frisieren sich seine “Produktiven” dann zuhause gegenseitig die Haare, weil alle nicht mehr per Hartz-IV am Leben und im Arbeitsleben gehaltenen Friseusen mittlerweile verhungert sind. Auch seine “Leistungsträger” bereiten sich dann wohl während ihrer anstrengenden Arbeitszeit das Essen für den morgendlichen Empfang selbst zu. Im Alter werden sich Millionäre dann gegenseitig betreuen – waschen, füttern, pflegen dürften sie ja dann bereits während ihres anstrengenden “Arbeits”alltags hinreichend geübt haben.

Leider haben wir nach dieser durchaus erquicklichen Vision nun auch schon fast das Ende der sloterdijkschen Erbauungsliteratur erreicht. Aber klar, einen gibts noch: Seiner abschließenden Mahnung vor der Gefahr der Überschuldung unseres Staates, also der vermögensseitigen “Ausplünderung der Zukunft durch die Gegenwart”, für welche die zukünftigen Generationen aufkommen müssen, könnte man ja noch irgendwie zustimmen (4), wenn es nicht den bösen “Witz” gäbe, mit dem Sloterdijk den Untergang letztlich herleitet:

Seine kopfstehende Sicht auf die gesellschaftliche Realität transformiert er dafür zusammen mit dem zu Beginn daherpostulierten Urschuldengeist und der fabulierten Erkenntnis, dass unsere moderne Wirtschaftsweise vom Zusammenspiel von Gläubigern und Schuldnern bestimmt wird, in eine neue Dimension. Der verderbliche “linke” Geist – also für ihn praktisch die Idealisierung des Unproduktiven mittels der Eingangs untergeschobenen Erbsünden-Urschuld-Staatsreligion – ist für Sloterdijk natürlich auch der Grund für das unbefangene Schuldenmachen auf gesellschaftlicher Ebene. So richtet der “sozialistische” Ungeist die Gesellschaft letztlich zugrunde, weil er es rechtfertigt, schon jetzt die Leistungen unserer zukünftigen Millionäre “Leistungsträger” zu verbrauchen, in dem er deren zukünftiges Einkommen – sozusagen mit Vorlauf – schon heute per Kredit komplett enteignet. Nach dieser Logik enteignet sich der Pfleger im Altenheim also gerade selbst von seiner ersten “Million”, die er (wohl als Altenpfleger) in den nächsten 20 Jahren hätte zurücklegen können!

Das Fazit und der Abschluss des ganzen Textes fällt dann – eigentlich auch nicht anders zu erwarten – reichlich bizarr aus. Sloterdijk sieht als einzige Chance, der “Großenteignung” seiner schwer leistenden Vermögenden zu entkommen, “eine sozialpsychologische Neuerfindung der „Gesellschaft“”. Von dieser Stelle an wird die Fantasie des FAZ-Lesers besonders derbe in Anspruch genommen. “Abschaffung der Zwangssteuern”, deren Ersatz wohl eine freiwillige Steuer sein soll (ansonsten wäre “Zwangssteuer” ein ungewollter Pleonasmus, den ich Sloterdijk nicht unterstellen mag). Stetige “Geschenke an die Allgemeinheit” sollen dann den “öffentlichen Bereich” bereichern. Das Ganze soll sich realisieren aus einem (vorübergehendem) Sieg des “Stolzes” über die “Gier”.

Wie er diesen Sieg errungen sieht, sagt Sloterdijk leider freilich nicht. Da bleibt er dann doch viel schweigsamer als der geschmähte Marx, dessen befreiende Lösung ja auch ein ganz ähnliches “Bewusstsein” innerhalb einer “sozialpsychologisch” völlig neu aufgestellten Gesellschaft ist. Ich vermute aber fast, das wird der gemeine FAZ-Leser sowieso nicht so deuten (können).


(1) Die “Ausbeutung des Menschen durch den Menschen” mittels privaten Eigentums an Produktionsmitteln ist eben doch etwas völlig anders als der Besitz eines eigentümlichen Gartens!

(2) Apropos Brecht: An der Stelle mal ein schönes Zitat vom Meister:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sah’n sich an.
Da sagt der Arme bleich:
‘Wär ich nicht arm,
wärst du nicht reich.”

(3) Die Brüder Albrecht können das 5000000-Fache des Jahreslohnes eines “ihrer” Filialangestellten ihr Eigentum nennen. Vom unserer Gesellschaft und unserem Staat garantiert. Die Albrechts sind reale Superexistenzen, die – nach Sloterdijk – als “Leistungsträger” auch Arbeitsleistung in diesem Verhältnis erbringen. Grundlage der Rechnung: Die Gebr. Albrecht haben ein geschätztes Vermögen von 35 Mrd. EUR – ein durchschnittlicher Aldi-Regalwusel hat ein (von mir) geschätztes Jahresnettoeinkommen von 7200 EUR

(4) Auch wenn ernsthaft bezweifelt werden darf, dass so einfach zukünftig erbrachte “tat”sächliche Leistung per Kredit (also per fiktives Vermögen) zeitlich vorverlegt werden kann. Wahrscheinlich endet ein solches Vorhaben wohl eher damit, dass sich das “Vermögen” zum Zeitpunkt der Realisierung als heisse Luft entpuppt. Das Versprechen kann in dem Fall einfach nicht eingelöst werden, denn was nun einmal nicht da ist …


P.S. Die verfügbare Produktionstechnologie ermöglicht mit Leichtigkeit die Subsistenz aller mit der Arbeitsleistung von wenigen. Aber was hilft dieses Vermögen, wenn es nicht realisiert werden kann, da die Produktionsmittel das Eigentum von nur Einigen ganz wenigen sind. Sollen wir tatsächlich auf den “Stolz” dieser Wenigen hoffen?

P.P.S. Bei HHirschel gibt es eine sehr gute Kritik des sloterdijkschen Prachtstückes (unbedingt lesen!) und auch beim Freitag gibt es dazu etwas Brauchbares.

Dexter am 01.07.2009 um 16:56 in Politik & Gesellschaft

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