Dieser Tage gibt es ja eine kleine Kontroverse um das Erstlingswerk des 17-jährigen Literatur-Shootingstars Helene Hegemann. Diese hat in ihrem vielgepriesenen und vom „Holzpresse“-Feuilleton unheimlich gehypten Buch »Axolotl Roadkill« Texte aus fremden Quellen genutzt, ohne diese Quellen kenntlich zu machen oder auch nur zu erwähnen. Entdeckt wurde das plumpe Kopierwerk erstmalig im Blog "Gefühlskonserve" und die Info gelangte danach auch recht schnell in die Massenmedien. Der Verlag bezog recht zeitnah Stellung, stellte sich dabei aber zu seiner Schande nicht wirklich hinter seine junge Autorin.
Mittlerweile wird viel gelästert und die Autorin erfährt eine Menge Hähme - zumindest „aus dem Netz“. Wer weiß, vielleicht ist das ja ungerecht; die vielfach geäußerte Kritik am marktorientierten Literaturbetrieb kann aber bis auf die dadurch weiter forcierte künstliche Spaltung zwischen Internet und Massenmedien sicher nicht schaden.
Was das eigentliche Streitobjekt angeht, so kann ich dazu kaum was sagen. Der Pubertätsroman selbst interessiert mich ehrlich gesagt auch wenig. Alles was ich an Text aus dem Buch kenne, ist in dieser kurz kommentierten Leseprobe aus den Amazonrezensionen zu finden:
Annika sitzt gemeinsam mit ihrer High-Definition-Mascara(!) am Küchentisch und guckt mich an, als hätte sich meine Dünnhäutigkeit(!) innerhalb kürzester Zeit zu einer [nicht mehr nachvollziehbaren] ! Skrupellosigkeit entwickelt.
»Ich muss nicht mehr in die Schule, Annika.«
»Das ist jetzt das Ende.«
»Ja, das ist wirklich das Ende. Draußen sind alle ohnmächtig.« (Wer redet so? Jugendliche? Nein, Gott bewahre)
»Das glaube ich dir nicht.« (Das glaub-e ich dir nich-t, ja so redet jemand in so einer Situation)
»Es ist total egal (!), ob du mir glaubst oder nicht. Draußen sind alle ohnmächtig.«
Sie guckt sich paranoid (!!) um.
»Atomkrieg?«
»Chemieangriff?« (Billigstes Schülergeschreibsel)
»Mach das Fenster zu, Mifti.«
»Zu spät.« (Comic-Sprache)
Annika wird ohnmächtig, ich falle um. Jeder von uns denkt, er sei der alleinige Simulant. (Stil = grottig) Das ist ungemein sexy. (Zweck-Jugendsprache)
Ja, da waren wir auch den Tränen ein bisschen nahe, und das muss ich auch ganz offen zugeben, auch wenn man bei mir das jetzt nicht oft gesehen hat, aber wenn es diese Momente gibt, in denen man den Tränen nahe ist, dann war das da schon einer davon, also da waren wir alle echt den Tränen nahe. (Topmodel-Nachberichterstattung??)
Um 8 Uhr 10 steht Lars gemeinsam mit seinem zweijährigen Scheißblag (!!) und einer unübertrefflichen Erwartungshaltung in unserem Wohnungsflur. Das zweijährige Scheißblag (!!) trägt einen weißen Häkelponcho aus Chile, wurde nie in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt und hat deswegen innerhalb von zwanzig Sekunden zuerst eine komplette Packung Nordseekrabben aus unserem Kühlschrank geholt und den Inhalt derselbigen dann auch auf der Stelle aufgefressen. (zum Totlachen)
Man muss schon sagen: Der Text regt wirklich auch zum Nachdenken an. Beispielsweise über die Entscheidungsfreiheit eines Zweijährigen. Und über Notwendigkeit und Möglichkeit diese "einzuschränken", vorausgesetzt die postulierte Freiheit würde überhaupt bestehen ...
Sehr überzeugend ist das alles irgendwie nicht. Es wird übrigens auch nicht besser, wenn man die „unkommentierte“ Original-Leseprobe heranzieht. Die ganze Ullstein-Nummer erinnert irgendwie an „Feuchtgebiete“ und es handelt sich hier wahrscheinlich nur um hervorragend vermarkteten und so langweiligen wie überflüssigen „Berlinroman“-Scheiss.
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